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Wissenschaftliches Schreiben und Publizieren in der Fremdsprache Englisch"

geschrieben von Theodor Wurth

Wenn einem deutschsprachigen Wissenschaftler eines nicht passieren sollte, könnte es etwas mit dem sogenannten ‚Gatekeeping‘ zu tun haben. Wer Opfer dieses Phänomens wird, bleibt buchstäblich ‚vor den Toren stehen‘ und wird nicht hinein gelassen. Genauer gesagt durch das Tor des wissenschaftlichen Publizierens. Und es muss irgendwo im angelsächsischen Raum platziert sein, denn das Englische ist die dominante Publikationssprache geworden, die das Tor zum erfolgreichen Diskurs öffnet. 

Ob die Realität wirklich so besorgniserregend ist, sollte der Vortrag des Anglisten Prof. Dr. Claus Gnutzmann (TU Braunschweig) klären, der im Rahmen der Vortragsreihe von LinguA³ am 18. Juni 2013 gastierte. Seine Leitfrage lautete: ‚Publish in English or Perish in German?‘ In seinem Projekt geht es um Schwierigkeiten und Lösungsstrategien sowie auch Einstellungen deutscher Wissenschaftler hinsichtlich des Schreibens englischer Fachtexte.

Die Idee der sprachlichen Vereinheitlichung liegt auf der Hand: Englisch ist als Kontaktsprache unter den zahlreichen Einzelsprachen der sinnvollste Kompromiss. Viele Menschen können bereits Englisch und es ist verhältnismäßig leicht zu lernen. Es soll Chancengleichheit hergestellt werden.

Um abzubilden, wie es sich in unterschiedlichen Disziplinen mit dem englischen Publizieren verhält, stellte Gnutzmann diverse Ergebnisse aus Interviews vor. Er hatte zuvor deutschsprachige Wissenschaftler (vom Doktoranden bis zum Professor) aus den Gebieten Maschinenbau, Biologie, Germanistische Linguistik sowie der Geschichtswissenschaft umfassend befragt. Wie sich zeigte, fielen die Erfahrungen mit dem Publizieren in englischer Sprache relativ unterschiedlich aus. Je ‚härter‘ die Wissenschaft bzw. theoretischer ihre Ausrichtung, desto eher wird auch auf Englisch geschrieben. Im Maschinenbau und in der Biologie spielt das Deutsche nur noch eine sehr untergeordnete Rolle. In der Linguistik ist es teilgebietabhängig recht verschieden und bei den Historikern wird überwiegend noch auf Deutsch publiziert.

Natürlich hängt dies auch damit zusammen, dass die Natur- und Ingenieurswissenschaften andere publizistische Anforderungen haben als die Geisteswissenschaften. Die Sprache ist ungleich formelhafter, die sprachliche Kreativität dafür sekundär. Da überrascht es nicht, dass die befragten Wissenschaftler aus Maschinenbau und Biologie tendentiell weniger Probleme mit der Fremdsprache Englisch attestierten.

Gleichwohl erachtete praktisch keiner der Befragten den Umstand, auf Englisch schreiben zu müssen, als besonderen Vorteil. Doch wie groß ist der Nachteil? Der ‚Non-Native Speaker‘ wird in den meisten Fällen keine Chance haben, einen gleichwertigen Text zu verfassen, weder im Gegensatz zum englischen Muttersprachlicher noch im Gegensatz zur möglichen Qualität in der eigenen L1-Sprache. Nicht nur, dass ein Wissenschaftler den formalen Normen, Erwartungen und Mustern genügen muss. Auch die sichere sprachliche Intuition kann selbst der fließende Englischsprecher oft niemals erreichen; sie ist sozusagen die ‚Falltür zur Ungenauigkeit‘ und der Grund dafür, warum von Chancengleichheit – wie Gnutzmann argumentiert – eigentlich kaum die Rede sein kann.
Dennoch zeigte der Vortrag von Prof. Gnutzmann, dass die Frage nach ‚Publish in Englisch or Perish in German‘ nicht pauschal zutreffen muss. Je nach wissenschaftlicher Disziplin gibt es unterschiedliche Ausprägungen englischsprachigen Schreibens und ihrer Notwendigkeit. Wiederum unterscheiden sich in der Fachspezifität auch die Schreibanforderungen. In jedem Fall benötigen deutschsprachige Wissenschaftler aber zusätzliche Ressourcen in zeitlicher und finanzieller Hinsicht, um den normierten Standards gerecht zu werden und vom ‚Gatekeeping‘ nicht betroffen zu sein.