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Bessere Grammatikbücher und einfacheres Lernen durch Korporaforschung?

(Prof. Dr. Sylviane Granger)

geschrieben von Marlene Schlüter

Korpora-Forschung kann Grammatikbücher für Fremdsprachen verbessern und damit das Lernen deutlich vereinfachen. Wie? Das stellte Prof. Dr. Sylviane Granger  aus Belgien am Freitag, den 3. Mai in der Leibniz Universität Hannover vor. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe LinguA³ hielt sie ihren Vortrag unter dem Titel "New Insights into the Nature of Learner Language and Implications for more effective Language Teaching".
Fremdsprachenlernende sind in der Regel nicht in alltäglichen Situationen, wie beim Einkaufen, im Restaurant oder auf der Arbeit mit der jeweiligen Fremdsprache konfrontiert. Sie sprechen die Sprache also normalerweise nur in ihrem Lernumfeld. Für ein Korpus ist es jedoch besonders wichtig, authentische und natürliche Sprachdaten zu sammeln, keine gestellten oder erzwungenen. Granger sammelte daher Daten, die unter diesen Voraussetzungen so nah wie möglich an natürlichen Äußerungen liegen. Dafür wurden Essays und informelle Interviews von Anglistik-Studierenden ausgewertet.
Granger stellte sehr aufschlussreich vor, was genau ein Learner Corpus ist und welche Voraussetzungen es erfüllen muss, um als solches zu gelten. Die ideale Zusammensetzung, um sinnvolle Untersuchungen vornehmen zu können, sei eine Mischung aus einem Learner Corpus und einem Native Corpus. Somit hat man grundsätzliches Wissen von Muttersprachlern und das Wissen von Lernern in einem Korpus und kann beide Datensammlungen vergleichen. Im Verlauf ihrer Präsentation befasste sich Granger mit zwei Themengebieten besonders intensiv, dem Gebrauch des Passivs und dem der Phrasen.
Granger gab neue Einblicke in viele Bereiche. So lernten die Zuhörer unter anderem, dass die Deutschen das Passiv im Englischen mitunter am wenigsten verwenden. Dies wird als "underuse“ bezeichnet: Studierende haben gezeigt, dass sie es regelreicht vermeiden, das Passiv in schriftlichen Beiträgen zu verwenden. Es sollte demnach nicht überraschen, dass die Überpassifizierung (overpassivization) durch den seltenen Gebrauch zu den häufigsten Fehlerquellen gehört.
In diesem Zusammenhang kritisierte Granger die Vorgehensweise von Grammatikbüchern, auch im Hinblick auf andere Aspekte: Es sei auffällig, wie oft den Lernern geraten wird, etwas nicht zu tun oder zu gebrauchen, statt ihnen positive Hilfen an die Hand zu geben. Nicht selten würden Beispiele für Fehler aufgeführt, die mithilfe von Korpora bewiesenerweise in der Realität nicht oder nur sehr selten gemacht würden. Ebenso fände sich in zahlreichen Varianten die Behauptung, dass „get-passives“ oft verwendet werden. Tatsächlich seien sie im alltäglichen Gebrauch von Muttersprachlern jedoch ziemlich selten. Auf diese Weise führte Granger sehr sympathisch und einleuchtend durch ihre Präsentation und bezog auch immer wieder das Publikum mit ein.
Der Vortrag wurde auf Englisch gehalten, Granger legte jedoch großen Wert darauf, dass ihre Zuhörer sie gut verstehen konnten und lockerte den Vortrag beständig mit ein paar Anekdoten oder heiteren Zwischeneinwürfen auf. Das eher fachwissenschaftliche Thema sorgte für ein gemischtes Publikum. Vor allem fanden sich Lehrer, Englischstudierende mit dem Ziel Lehramt aber auch Interessierte und Wissenschaftler unter den Gästen. Obgleich die zweistündige Veranstaltung morgens stattfand, war der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt und viele Zuhörer machten in der Pause dankbar vom Kaffee-, Tee- und Keks-Angebot gebrauch.
"Learner Corpus Data is a fruitful resource. But it is still early days", sagte Granger abschließend für ihren Vortrag. Tatsächlich wird die Korpusforschung erst seit etwa 20 Jahren betrieben. Die vorhandenen Korpora müssen vergrößert und erweitert werden, um noch repräsentativer zu werden. Dies war Anlass für Granger, einen Aufruf an das Publikum zu starten: "There is a need for close collaboration between researchers, teachers and publishers. Come and join the fun!" Im Anschluss an den Vortrag blieb noch Zeit für zahlreiche Fragen, denen sich Granger aufmerksam widmete. Mit ihrem Ausspruch "I like a challenge." ermunterte sie das Publikum, auch kritisch mit ihr zu diskutieren.
Der Vortrag fand im Rahmen des Symposiums "Language Corpora for Language Professionals: Digitale Sprachkorpora an der Schnittstelle zwischen schulischer Lehre und universitärer Forschung" statt. Der nächste Vortrag der LinguA³-Reihe "Publish in English or Perish in German? Wissenschaftliches Schreiben und Publizieren in der Fremdsprache Englisch" von Prof. Dr. Claus Gnutzmann (Braunschweig) findet am 18.06.2013 im 1. Stock des Conti-Gebäudes am Königsworther Platz statt.