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Richtig oder falsch? - Korpora als Entscheidungshilfe?

geschrieben von Oliver Lambrecht

„You want a coffee?“ - In der Alltagssprache von den meisten Sprechern verstanden und akzeptiert, stellen diese und ähnliche Konstruktionen Lehrerinnen und Lehrer vor ein Problem. Handelt es sich um korrektes Englisch oder um umgangssprachliche Äußerungen, welche im Klassenzimmer nichts zu suchen haben? Wo beginnt überhaupt die Standardsprache und wo endet sie? Sind es nicht häufig die Kommunikationsparameter, die bestimmen, was angemessen ist und was nicht? Inwiefern lassen sich unter diesen Gesichtspunkten die beliebten, da trennscharfen Kategorien richtig und falsch überhaupt noch anwenden?

Diesen Fragen ging Prof. Dr. Fanny Meunier in ihrem Vortrag zum korpusgestützten Sprachunterricht nach. Ausgehend von Aussagen wie „You want a coffee?“, welche der Großteil des Publikums, bestehend aus Englischlehrerinnen und -lehrern und solchen, die sich noch in ihrer universitären Ausbildung befinden, als nicht korrekt bzw. nicht standardsprachlich ablehnte, hob sie das Potenzial von korpusgestütztem Arbeiten im Unterricht hervor.

Die Arbeit mit Korpora stelle insbesondere für Nichtmuttersprachler ein Hilfsmittel dar, um Muttersprachler bei der Anwendung ihrer Sprache zu beobachten und zu verstehen – ein „shortcut to native speaker intuition“, so Prof. Dr. Meunier. Lange habe die geschriebene Sprache als Maßstab für korrekten Ausdruck gedient, während die gesprochene Sprache, vor allem bedingt durch Transkriptionsprobleme, nicht im Fokus stand. Dieses Verhältnis habe sich, aufgrund der mittlerweile verbesserten Verfügbarkeit gesprochener Sprache in Form von Korpora, verschoben.

Die gesprochene Sprache finde zunehmend Einzug in die Schulgrammatiken. Somit stelle sich erneut die Frage nach der Standardsprache, denn der mündliche Ausdruck berge eine deutlich größere Freiheit für die Sprecher. Entscheidend sei der Zeitdruck, der in der Kommunikationssituation auf die Sprecher wirke und sprachliche Anpassungen erzwinge.
Dieser Umstand stelle nicht nur für Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch für deren Schülerinnen und Schüler ein Problem dar. Es sei für beide Seiten schwierig, ein gemeinsames Arrangement zu finden, welcher Ausdruck welcher Kommunikationssituation angemessen sei. Somit vollziehe sich allmählich ein Paradigmenwechsel: weg von den absoluten Kategorien richtig und falsch, hin zu den Kommunikationsparametern angemessen oder unangemessen. Diese „neue“ Unterscheidung schlage sich auch in den Grammatiken nieder. Als weitere Anpassungen nannte Prof. Dr. Meunier die Fokussierung auf die geläufigen Formen, die beispielhafte Einbeziehung von Fehlern zwecks Vermeidung derselben, sowie die Integration von Realtexten wie Zeitungsberichten in die Unterrichtsmaterialien.

Den Schlusspunkt setzte ein kritischer Ausblick auf die Probleme der korpusgestützten Arbeit im Unterricht. So sei die konkrete Anwendung korpuslinguistischer Methoden für den Schulunterricht in Deutschland noch zu wenig in die fachdidaktische Ausbildung an den Universitäten und die Curricula eingebunden, ferner fehle den meisten bereits etablierten Lehrerinnen und Lehrern die Zeit, um sich auf die Arbeit mit diesem Instrument einzustellen. Der Zeitaspekt sei auch beim Einsatz im Unterricht eine entscheidende Komponente, korpusgestütztes Arbeiten bringe einen hohen Aufwand mit sich. Zu guter Letzt sei nicht die bloße Frequenz einer Konstruktion als Gütekriterium anzusehen, die Herangehensweise an die Arbeit mit Korpora im Unterricht müsse stets ein kritisches Moment beinhalten.