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Sprachliche Höflichkeit bei Jugendlichen

geschrieben von Florian Bücking

„Ey, schreiben is nich. Laber mich nicht voll.“ So lautet die Antwort einer Schülerin, die ihre Schreibaufgabe im Schulunterricht nicht bearbeiten wollte. Eine Situation die sich die meisten Erwachsenen nur zu gut vorstellen können, da die stereotypischen Jugendlichen in den Medien klar definiert sind. Sie haben keine Manieren, kein Sprachgefühl, nur wenig Grammatikkenntnisse und einen Wortschatz, der weitestgehend aus Fäkal- und Sexualwörtern bestehe.
Ein Bild, welches nach Ansicht von Frau Prof. Dr. Eva Neuland, Linguistin an der Universität Wuppertal, nicht der Wirklichkeit entspricht. Zu Gast bei „LinguA“, dem Linguistischen Arbeitskreis an der Universität Hannover, präsentierte Frau Neuland bisherige Forschungsergebnisse zum Thema Jugendsprache und gab gleichzeitig einen ersten Einblick im Sinne eines Werkstattberichts. Sie informierte über die Planungen eines neuen Forschungsprojekts, das Gebrauchs- und Verständnisweisen sprachlicher Höflichkeit bei Jugendlichen im Schulalter unter Berücksichtigung soziolinguistischer Variablen (v.a. Alter, Geschlecht. Bildungsgang, Deutsch als Erst- und Zweitsprache) empirisch überprüfen soll.
Schon allein die Tatsache, dass Jugendliche die konventionelle Höflichkeit ein ums andere Mal brechen, verdeutlicht, dass ihnen ihre Regeln alles andere als fremd sind. Die bisherigen Forschungen haben vielmehr ergeben, dass Jugendliche in der Lage sind ihre Sprache an den jeweiligen Gesprächspartner anzupassen. Demnach ist Jugendsprache eher in den Peer-Groups der Jugendlichen zu verorten. Neuland führte aus, dass gleichaltrige Gruppen den Jugendlichen Raum zur sozialen Rollenfindung bieten bei der ihnen die Jugendsprache behilflich ist. Sie dient dazu den Respekt innerhalb der Gruppe zu erarbeiten und immer wieder zu bestätigen. Die Jugendlichen selbst beantworteten die Frage nach dem Ziel ihrer Sprache damit, dass sie sich eine emotionalere und direktere Sprache wünschen.
Auf Basis dieser bisherigen Forschungsergebnisse erläuterte Frau Neuland ihre Arbeit am neuen Forschungsprojekt. Was bedeutet Höflichkeit aus der Sicht der Jugendlichen, wie höflich schätzen Jugendliche sich und andere ein und welche sprachlichen Ausdrucksformen haben Jugendliche für ausgewählte Sprechhandlungen wie die Begrüßung oder die Verabschiedung – so lauten die zentralen Fragestellungen. Die geplante Datenerhebung wird laut Neuland durch einen speziell entwickelten Fragebogen realisiert. Dabei nennt Sie gleichzeitig aber auch die Probleme, die ein solch vorgefertigtes Raster mit sich bringen. Auch wenn teilweise freie Antworten möglich sind, ist es schwierig die Spontansprache der Jugendlichen durch einen Fragebogen festzuhalten. Darüber hinaus darf auch nicht die schwankende Motivation der ausfüllenden Schüler unterschätzt werden, welche die Ergebnisse verfälschen könnte.
Um möglichst präzise Daten zu ermitteln, wurden schon erste Entwürfe des Fragebogens getestet und ausgewertet. Die dabei erhobenen Ergebnisse stellte Frau Neuland im zweiten Teil ihrer Präsentation vor. Passend zu ihren bisherigen Forschungsergebnissen lässt sich Höflichkeit für die Jugendlichen mit Respekt und gutem Benehmen beschreiben. Außerdem werden höfliche Umgangsformen, anders als von den Medien dargestellt, von Jugendlichen sehr geschätzt. Somit war es für Frau Neuland und die anwesenden Zuhörer auch nicht überraschend, dass die Jugendlichen die konventionellen Normen auch sprachlich benennen konnten. Das letzte und vielleicht interessanteste Ergebnis was Frau Neuland anhand der ersten Fragebogenrunde vorgestellt hat, thematisierte die Selbsteinschätzung der Jugendlichen. Dabei kam heraus, dass sich die Jugendlichen selbst am höflichsten schätzen, gefolgt von den Eltern. Erst ganz am Ende wurden die Lehrer genannt.
Da es sich bei der Präsentation nur um vorläufige Ergebnisse handelt und auch der Fragebogen noch nicht seine endgültige Gestalt angenommen hat, eröffnete sich nach dem Vortrag eine angeregte und lebendige Diskussion. Sowohl die Ergebnisse an sich, als auch die Gestaltung des Fragebogens wurden thematisiert und diskutiert. Die Beteiligung von Alt und Jung unterstrich dabei die Bedeutung und Aktualität des Themas in der heutigen Gesellschaft, sodass alle auf die weiteren Forschungsergebnisse gespannt, nach einem gelungenen Abend nach Hause gingen.
Der nächste Vortrag „Persuasion als medienlinguistisches Phänomen" von Prof. Dr. Heinz Helmut Lüger (Landau) findet am 10.01.2012 im 4. Stock in den Räumlichkeiten des Deutschen Seminars am Königsworther Platz statt.