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Vortrag am 15.11.2011

Dr. Sabine Ziegler (Jena, Leipzig):
"Frames und Prototypikalität im Deutschen - historische betrachtet "

Engl. Frame bezeichnet die „Übersetzung“ eines Konzepts im Sinne der kognitiven Wissenschaft. Die linguistische Frame-Theorie geht auf zahlreiche Arbeiten von Charles Fillmore zurück. Ein Konzept ist eine kognitive Einheit, die in den Sprachen der Welt inverschiedener Weise abgegrenzt und ausgedrückt wird und dabei folgende Merkmale aufweist:

1. Es ist intraindividuell, wird also von mehreren Sprechern einer Sprache verstanden.

2. Es ist eine Zusammenfassung von Wahrnehmungen, Erfahrungen, Handlungen, Objekten u.a.

3. Es besteht aus assoziativ (über Ähnlichkeit und Kontiguität) verknüpften kleineren Einheiten (Merkmal, Segment, Sem(em) u.a.; Konerding 1993: 89; 93), die kontrastiv ausoder abgrenzbar sind.

4. Es ist mental gespeichert, d.h. durch Kontinuität gekennzeichnet.

5. Es wird intra- und interindividuell episodisch vergegenwärtigt, vgl. Ziem 2008: 2: „Mit dem Wort Trinkgeld ist uns beispielsweise eine ‚Szene‘ präsent, in der es eine Szenerie (dasRestaurant), Akteure (Gäste, der Ober), gewisse Requisiten (einen Tisch, Stühle, Besteck usw.), ein Skript (Essen bestellen, essen, bezahlen) und vieles mehr gibt. Denn jeder weiß,unter welchen Umständen und in welchen Alltagssituationen Trinkgeld gezahlt wird.“ Der Frame führt Weltwissen mit der sprachlichen Realisierung in bestimmten Situationenzusammen. Der Fuß als „Maß“ gehört einem anderen Frame an als der Fuß als „Körperteil“ .Er steht somit für ein anderes Konzept, nämlich für eine Maßeinheit, die so in manchen anderen Sprachen ebenfalls vorkommen kann, aber nicht muss.

Schwierig wird die Beurteilung von Frames und prototypischen Merkmalen in älterenSprachstufen, da die Konzeptionalisierung nicht mehr direkt von den Sprechern abfragbar ist, sondern vielmehr aus den schriftlichen Belegen unter Berücksichtiung des Kontextes herausgefiltert werden muss. Dabei sollte immer beachtet werden, dass das Fehlen eines Konzepts oder semantischen Merkmals durch Lücken in der Überlieferung zustande kommen kann.-Elemente, die innerhalb der Handlung eine Rolle spielen, zu bestimmen. Syntaktisch erscheinen diese semantischen Mitspieler zumeist als valenzbedingte Aktanten wie Subjekt, Akkusativobjekt, Lokalobjekt usw., ergänzt durch Angaben. Diese lassen sich mit Fragen ermitteln, z.B. für das Auge im Frame "Körperteile (des Menschen)": 

Wo tritt das Konzept Auge als Körperteilauf? - bei Menschen (und Tieren)

Wer hat Augen? – Menschen: meine Augen, deine Augen

Wie ist Form, Farbe und Konsistenz der Augen? – Augen können rund, oval, mandelförmig sein…

Was machen die Augen?– Augen können leuchten, weh tun, feucht sein...

Was macht man mit den Augen? – sehen, blinzeln, verdrehen...

Das in Jena beheimatete, von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften finanzierte Projekt „Deutsche Wortfeldetymologie in europäischem Kontext“ untersucht solche und ähnliche Fragen in einem historischen Zusammenhang ausgehend vom Althochdeutschen bis zum heutigen Deutschen im Vergleich mit anderen alten und modernen europäischen Sprachen. Das Projekt ist in 8 Wortfelder gegliedert, das erste Wortfeld war „Der Mensch und sein Körper“ (dieser Band erscheint demnächst im Reichert-Verlag Wiesbaden). Dabei können in Einzelfällen Konzept- und Frameänderungen festgestellt werden, die mit Änderungen des Weltwissens in Zusammenhang stehen. So ist z.B. erst in der Neuzeit bekannt geworden, dass sich im Ohr das Gleichgewichtsorgan befindet. Deswegen findet man erst ab dem 19. Jhd. Belege für dieses semantische Merkmal.