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Sprachwandel statt Sprachverfall?

geschrieben von Marleen Gaida

Eigentlich ist es ein normaler Dienstagabend im Hörsaalgebäude der Leibniz Universität Hannover am Königswortherplatz. Die Luft ist nach einem langen Tag verbraucht und muffig, leere Coffee-to-go Becher liegen neben Schokoladenriegelpapier auf dem Boden. Doch eines ist anders an diesem Abend.

Etwas aufgeregter und erwartungsvoller ist die Stimmung der Studierenden auf die heutigen Gäste. Anders ist auch, dass sich viele ältere Gesichter unter die zahlreichen jungen mischen.

Kein geringerer als der Deutschlehrer der Nation Bastian Sick wird erwartet um uns zu belehren: Der Maestro der Sprachkritik soll sich zu der Frage äußern: „Verfällt die deutsche Sprache?“

 

Die beiden Moderatorinnen Netaya Lotze und Alexa Mathias des Deutschen Seminars der LUH führen diese Diskussion durch den Abend. Getragen wird die Veranstaltung durch die LUH und die Gesellschaft für deutsche Sprache und organisiert wurde der Abend von Studierenden des linguistischen Arbeitskreises.

Die Einführung in das Thema: „Sprachverfall ja oder nein?“ erfolgt durch Prof. Dr. Schlobinski, Sprachwissenschaftler an der Universität.

Geladene Gäste des Abends sind Frau Dr. Andrea Ewa Ewels, langjährige Redakteurin beim ZDF und nun Geschäftsführerin der GfdS[1],

Prof. Dr. Klaus Bayer, Professor des Deutschen Seminars der LU[2] Hannover und Dr. Gerd Schrammen, Romanist und Autor des Buches „Ich spreche gerne Deutsch. Über die mißhandelte Muttersprache“ und Bastian Sick, Bestsellerauto und Kolumnist des Zwiebelfisches, der mit 4 Millionen verkauften Exemplare von „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, der Stargast des Abends ist.

Schlobinski verdeutlicht noch einmal die sprachwissenschaftliche Position, dass man lediglich Sprachwandelprozesse verfolgen  und nicht von Verfall sprechen könne und ab geht es in die erste Runde: Ring frei!

Zunächst wird nach den Positionen der Gäste gefragt: „Verfällt die deutsche Sprache wirklich und welche sind die Indikatoren dafür?“.

Dr. Ewels wiegelt ab und erklärt, die Menschen würden Sprachverfall mit Sprachwandel verwechseln. Ein Sprachwandel sei etwas völlig natürliches, dies hätte es schon immer gegeben. Klarer Optimismus bezüglich der Sprachvarietät trifft auf eine knallharte Einschätzung des Dr. Gerd Schrammen. Die deutsche Sprache verfalle nicht, sie werde, viel schlimmer noch, misshandelt und geschädigt und dies in erster Linie durch Anglizismen seit Mitte der 90er Jahre.

Sein Unwort des Jahres 2010: „Public Viewing“!

Nebenbei lernen wir noch, dass das US-englisch ist und das zur Schau stellen einer prominenten Leiche meint. Ein harter Schlag ins Gesicht, haben wir uns doch schon so an diesen Ausdruck gewöhnt! Aber ohne große Umschweife geht es weiter zu Bastian Sick.

Er sieht jede Art von Dialekten als Bereicherung, hat auch nichts gegen Anglizismen oder französische Einflüsse, er will die Menschen eher für die deutsche Sprache und die einzelnen Wörter sensibel machen. Milde Worte vom sonst so gar nicht milden Sick.

Doch auch er setzt in der zweiten Runde zum Schlag an und zwar gegen die Deutsche Bahn.

Kein Mensch in Deutschland hätte etwas von dem Begriff „counter“ gehabt, das englische Wort für Schalter. Klarer Konsens mit Schrammen: Unnötige Anglizismen brauchen wir Deutschen nicht! Der „Schalter“ anstatt „counter“ tut es doch auch.

Prof. Dr. Klaus Bayer bereitet im Gegensatz dazu ein ganz anderes Thema Bauchschmerzen.

Die Dogmatik der Linguistik schieße über das Ziel hinaus , wenn sie behauptet, es gebe keinerlei Sprachverfall. Es seien durchaus problematische Entwicklungen möglich, derer sich die Linguistik und Sprachkritik kritisch annehmen sollte. Ermahnende Worte eines langjährig forschenden Linguisten.

 

Ring frei für Runde 3! Gegner Jugendsprache? Frau Mathias fragt:

Wie würden sie den situativen bzw. gesellschaftlichen Kontext für Prozesse des Sprachverfalls bzw. Wandels am Beispiel von Jugendsprache beschreiben? Keine einfach zu beantwortende Frage, bei einem so komplexen Thema und viel zu wenig Zeit.

Dr. Ewa Ewels nimmt den Kampf als erste auf und würde Jugendsprache eher als Geheimsprache der Jugendlichen bezeichnen, als sie eine Gefährdung des Standard-Deutschen zu nennen.

Auch Bastian Sick gibt sich wieder liberal und erklärt, er gehöre doch auch zur Generation „geil“. Jugendsprache hat es immer gegeben und musste es immer geben. Weiterhin sei sie wie alle Jargons und Soziolekte eine Bereicherung für die Sprache.

Drastischere Worte kommen eher wieder aus der Ecke Schrammens, der anmerkt, dass die Jugendlichen gutes Standard-Deutsch lernen müssen.

Das Thema Jugendsprache scheint die Gemüter der Diskussionsrunde nicht allzu sehr zu erhitzen. Man gibt sich weltoffen und gesteht sich und anderen ein, das man diese Sprache eigentlich gar nicht so Recht kenne.

Bastian Sick beschäftigt die Frage viel mehr, warum die Leute überhaupt das Gefühl hätten, es gäbe einen Sprachverfall? Da ihn die anderen Diskussionsfragen nicht allzu sehr reizen, stellt Maestro sich einfach selber eine und hat natürlich die Antwort parat:

Schuld sind das Internet und die Handys. Sie hätten das Bewusstsein der Menschen stark verändert.

Die deutsche Gesellschaft sei dadurch zwar mehr denn je eine schreibende Gesellschaft aber jedoch entprofessionalisierter und heimst durch Beispiele wie „hautstrafende Körperlotion“ Lacher ein.

Weiterhin würden Chatrooms zu einer Verunsicherung unter Nutzern führen. Danke für den Beitrag!

 

Wenn gar nichts mehr geht, dann gehen immer noch Anglizismen und dazu die Diskussionsfrage: „Gibt es gute oder böse Sprachen?“.

Dr. Gerd Schrammen sieht das so: es gäbe eine Sprachbedrohung durch Anglizismen, hier würden die Linguisten jedoch nicht richtig angreifen. Sick formuliert es milder und ermahnt zu einem bewussten Gebrauch der deutschen Sprache und erinnert, dass der Gebrauch von französischen Wörtern auch nicht immer problemfrei gewesen sei. Herr Prof. Bayer machen weniger die Anglizismen Sorgen, mehr noch beunruhige ihn die fehlende Weitsicht der Linguisten für weitere Sprach- und Kulturprobleme. Der Deutschunterricht müsse und könne problematische Wendungen jedoch abwenden. Optimistisches Schlusswort eines erfahrenen Sprachdidaktikers.


Sei also zu hoffen, dass die angehenden Lehrerinnen und Lehrer trotz fehlender Intensität im Studium durch verkürzte BA- und MA-Studiengänge eine waches Bewusstsein für die vielfältigen Veränderungen der deutschen Sprachentwicklung an den Tag legen und es an die Heranwachsenden behutsam weiter geben. Am besten ohne den erhobenen Zeigefinger aber durch viel sorgfältige Argumentation. Ring frei!



[1]     GfdS: Gesellschaft für deutsche Sprache
[2]
     LU: Leibniz Universität