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Können Sprachen unterschiedlich komplex bzw. simpel sein?

Prof. Dr. Peter Trudgill, FBA, während seines Vortrages bei LinguA³ / Foto gemacht von Jesko Thiel

geschrieben von Louisa Schön

Ist es möglich, dass Englisch leichter als manche andere Sprache ist? Man muss Verben nur in der dritten Person Singular konjugieren, es gibt nur einen Artikel, keine Fälle und kein grammatisches Geschlecht. Dies wäre jedenfalls schon einmal eine gute Nachricht für die vielen Lerner dieser inzwischen globalen Lingua Franca.
Doch ist es wirklich so? Können Sprachen unterschiedlich komplex beziehungsweise simpel sein?
Dieser Frage widmete sich der renommierte Linguist Prof. Dr. Peter Trudgill am 19.11.2013 in seinem Vortrag zum Thema „The sociolinguistics of non-equicomplexity“. Er skizzierte die wechselnden Lehrmeinungen der Linguistik zu diesem Thema und erklärte, dass der Konsens des 20. Jahrhunderts die „equicomplexity hypothesis“ sei. Diese besage, dass alle Sprachen im Ergebnis gleich komplex seien, auch wenn sie in unterschiedlicher Weise komplex sein könnten. Er selbst widersprach dieser These und erläuterte seinen Standpunkt so: Wenn die gleiche Sprache zu verschiedenen Zeitpunkten mehr oder weniger komplex sein könne, könnten verschiedene Sprachen zum gleichen Zeitpunkt auch mehr oder weniger komplex sein.
In einer von ihm begründeten soziolinguistischen Typologie führte Trudgill die bisher entgegengesetzten Standpunkte der Soziolinguisten und Typologen zur Frage der Komplexität zusammen. Soziolinguisten sind der Ansicht, dass Sprachkontakt zu simplification, Typologen, dass er zu complexification führe. Trudgill vertrat die Auffassung, dass beide Szenarien denkbar seien. Das Ergebnis sei von der Art des Sprachkontaktes abhängig. Kurzzeitiger Sprachkontakt unter Erwachsenen führe aufgrund der Problematik des nachpubertären Zweitsprachenerwerbs zu simplification. Langfristiger Sprachkontakt, zu dem auch ausgeprägter Bililngualismus unter Kindern gehört, führe zu complexification. Dazu gehörten in der Morphologie "Irregularisierung" von ehemals regelmäßigen Formen, Undurchsichtigkeit (also ein höherer Grad von Allomorphie), Zunahme syntagmatischer Redundanz sowieso das Entstehen von weiteren morphologischen Kategorien. Grundsätzlich sei ein spontaner Anstieg der Komplexität von Sprachen in kleineren Sprechergemeinschaften eher üblich. Trudgill befürchtete allerdings, dass solche kleineren und komplexen Sprachen mit hohem sprachlichen "Reifegrad" zunehmend aussterben werden. 

Bitte beachten Sie auch unsere Fotostrecke zu diesem Vortrag unter:
http://www.lingua.uni-hannover.de/2178.html